Ich will nichts wegwerfen!

Wegwerfen, was bleibt dann noch? Wer ausmistet, räumt damit nicht sein Leben auf.

„Das wahre Leben beginnt nach dem Aufräumen.“ Als ich diesen Satz jüngst in der emotion las, war ich richtig aufgebracht. Mit so einer Aussage unterstellt die Zeitschrift, Millionen Menschen hierzulande hätten kein Leben, nur weil sie nicht perfekt ordentlich sind.

Einmal auf diesem Trip, präsentiert die emotion natürlich auch das Gegenmittel, das all die Zombies wiedererweckt: Aufräumen! Ausmisten! Wegwerfen! Jeden Gegenstand in der Wohnung in die Hand nehmen und sich fragen: „Macht mich der wirklich glücklich?“ Falls nein, weg damit! Den kargen, aber heiß geliebten Rest ordnet man dann einrichtungskatalogartig um sich an und sitzt fortan dauerlächelnd dazwischen. „Mein Schatz“, wie Gollum sagt.

Socke, machst Du mich glücklich?

Fast eine viertel Seite ist der emotion-Redaktion eine Faltanleitung für ein T-Shirt wert. Feng-Shui-gerichtet verwandelt sich das Oberteil dabei in ein Paket, das „frei stehen kann.“ Haste Töne. Wie konnte ich jemals ohne frei stehende T-Shirts existieren? Verzeihung: vegetieren. Ich habe ja offenbar noch gar nicht wahrhaft gelebt. Denn für mich ist Ordnung lediglich ein Mittel zum Zweck, um Sachen schnell zu finden. Jedes weitergehende Sortieren ist in Wahrheit Dekoration.

Auch Dekoration möchte ich nicht missen. Wenn ich abends nach Hause komme, treffe ich gerne auf eine Wohnung, in der deutlich mehr Dinge, als ich dringend benötige, so arrangiert sind, wie ich es will. Diese Dinge machen mich keineswegs alle happy – aber sie belasten mich auch nicht. Deshalb dürfen sie bleiben. Ich habe Besseres zu tun, als ein Sockenpaar zu fragen: „Macht ihr mich glücklich?“

Wegwerfen klingt nur befreiend

Der Ordnungs- und Reduzierungswahn, den Ratgeber seit Jahren verbreiten, stört mich schon lange. Das liegt vor allem an den unrealistischen Heilsversprechen, die dem Aufräumen und Ausmisten zugeschrieben werden. Sie treiben immer absurdere Blüten. Den aktuelle Auswuchs, den neben der emotion viele andere Zeitungen und Zeitschriften willfährig verbreiten, verdanken wir der Japanerin Marie Kondo. Sie hat es schon in jungen Jahren zur weltweit erfolgreichen Aufräumexpertin gebracht. Zwei Bücher von ihr sind auf deutsch erhältlich.

„Magic cleaning“ heißt ihre Methode. Kondo schwafelt von „Bewusstseinswandlung“, „befreitem Leben“ und „Begegnung mit sich selbst“. Wirklich „magic“, denn – soviel gibt Kondo zu – ein Beweis, das Wegwerfen und Aufräumen wirklich zu „wahrem Leben“ verhilft, existiert nicht.

Aber wenn stört das schon? Hauptsache, die Tipps klingen gut: irgendwie nach Entspannung und Feng Shui. Kondos Empfehlungen tragen absurde Züge. Die Leute sollen tatsächlich alles aus der Wohnung hauen, was sie nicht sofort glücklich macht. Also konsequenter Weise auch nützliche Gegenstände wie Hammer, Staubsauger oder Bratpfannen.

Schlechtes Gewissen inklusive

Der Aberwitz solcher Ratschläge scheint niemandem zu stören. Die Für Sie versteigt sich in einer Rezension zu folgender Aussage: „Marie Kondo motiviert zum Generalangriff auf das alltägliche Chaos – und macht uns zu selbstbewussten, zufriedenen, ausgeglichenen Menschen.“

Nein, macht sie nicht! Marie Kondo und ihre Aufräumeritis macht Menschen ein schlechtes Gewissen. Sie bringt ganz normale Leute dazu, sich unzulänglich zu fühlen, weil sie eine – von der Autorin gesetzte – Norm nicht erfüllen. Das beflügelt den Absatz ihrer Bücher und Dienstleistungen. Die Leser stutzt es zusammen. Zumal dann, wenn sie nach der Magic-Cleaning-Methode aufräumen und feststellen, dass sie danach kein Stück glücklicher sind – aber für teuer Geld Pullover oder Küchengeräte nachkaufen müssen.

Natürlich gibt es Menschen, die in einer chaotischen Wohnung leben und sich nach Ordnung sehnen. Bringt ihnen jemand bei, wie man aufräumt, ausmistet und den Überblick behält, werden sie sich dauerhaft besser und freier fühlen. Aber das betrifft nur eine sehr kleine Gruppe von Leuten. Die allermeisten werden nicht zufriedener, nur weil sie – wie von Kondo empfohlen – in einem Rutsch gründlich aussortieren.

Das verschafft einem für einen Tag das angenehme Gefühl, etwas geleistet zu haben. Eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit, die wichtig ist und gute Laune macht. Womöglich mag man danach auch die eigene Wohnung lieber. Aber ein langfristig gestärktes Selbstbewusstsein?

Unordnung in der Seele bleibt

Wohl kaum. Wo kein müßiges Trum mehr liegt, lässt sich nicht morgen schon wieder etwas entrümpeln. Und dann? Dann ist die Magic-Cleaning-Methode am Ende. Sie sorgt eben nur für bessere Orientierung und besseren Überblick im Raum – und nicht für mehr Ordnung in der Seele.

Wer dauerhaft an seinem Leben etwas verändern will, muss sich ergiebigeren Quellen des Glückes zuwenden. Quellen, die man regelmäßig anzapfen kann und nicht nur einmal in fünf Jahren, wenn sich die Kramschubladen wieder gefüllt haben.

Eric Abrahamson, Professor für Management in New York, kritisiert den grassierenden Ordnungseifer seit Jahren. Just in der emotion hat er 2007 ein Streitgespräch mit einem Ordnungsexperten geführt. Darin sagte er: „Wer nach einer Trennung erwartet, dass durch das Wegwerfen von Briefen und Bildern die Schmerzen nachlassen, hat sich getäuscht. Gefühlschaos lässt sich nicht im Mülleimer entsorgen.“ Der Ordnungsexperte gab ihm Recht: Der Wert der Entrümplung liege eher im Ritual.

Wegwerfen und vergessen? Jahre später vermisst man es dann doch.

Emotionaler Wert mancher Dinge zeigt sich erst später

Grundsätzlich findet es Abrahamson bedenklich, sich in einer Hau-Ruck-Aktion von allen möglichen Dingen zu trennen: „Wir verschätzen uns oft bei der Wichtigkeit eines Gegenstands. Die emotionale Bedeutung kann verzögert auftreten. Silberbesteck, das nicht zum neuen, klaren Design meiner Wohnung passt, erinnert mich vielleicht erst in ein paar Jahren an meine Kindheit.“

Genau aus diesem Grund schleppe ich zum Beispiel seit Jahrzehnten zwei schwere Kisten voller Fotoalben von Wohnung zu Wohnung. Diese Alben machen mich jetzt nicht glücklich. Im Gegenteil, sie nerven mich oft wegen der Regalmeter, die sie besetzen. Platz auf dem ich momentan lieber Schuhe unterbringen würde. Nach der Magic-Cleaning-Logik müssten sie raus. Aber ich bin sicher: Wenn ich ins Altenheim muss, werde ich die Fotos mitnehmen und nicht die High Heels.

Außerdem ist die Zeitersparnis begrenzt, die sich durch perfekte Ordnung und schlanke Ausstattung erreichen lässt. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man zum Sklaven seines Ordnungssystems wird. Ständig putzen und polieren, sortieren und Dinge von sich fern halten: Das dauert und raubt Energie.

Problem aufschieben statt lösen

Oft genug lenken sich Menschen mit dem Großreinemachen sogar von Aufgaben ab, die sie dringender erledigen müssten: ein klassischer Fall von Aufschieberitis (Prokrastination). Diese Verhalten reinigt die Seele von absolut gar nichts. Im Gegenteil, die Verheißung der Befreiung fördert den aufschiebenden Putzfimmel sogar. Könnte ja sein, dass das Leben danach wirklich anders ist, und man all die Dinge, die man bislang vermieden hat, auf einmal problemlos erledigen kann. Könnte sein, ist aber nicht. Derartige Träume erfüllen sich im Märchen. In der Realität muss man sich Problemen stellen.

Brigitte Boothe, Professorin für Klinische Psychologie in Zürich, rät, sich folgende Frage zu stellen, wenn es um das Thema Aufräumen und Wegwerfen geht: „Wer dient wem? Die Ordnung mir oder ich der Ordnung?“ Wissenschaftlich halbscharige, clean-schick-inspirierte Aufräumorgien schließt diese  Herangehensweise aus. Also bleibt mir damit vom Leib.

Mitbloggerin Nadja hat übrigens eine ganz andere Sicht auf das Ordnungsthema als ich. Sie findet, es kläre die Gedanken – und gibt Tipps für Ordnungssysteme. Hier nachzulesen: „Ordnung ist gut für die Seele“.

Wie stehst du zum Thema Ordnung? Ist es für dich Aufräumwahnsinn oder Zeitersparnis? Schreib uns einen Kommentar.

 

Über uns Alexandra von Knobloch

Journalistin: Gesundheit, Wissenschaft, Medizin. Dozentin Print/Online. Innovationstrainerin mit Design Thinking. Schreibt privat auf: http://healthandthecity.de über Gesundheit fürs digitalisierte Leben.

23 Kommentare

  1. Dann empfehle ich Dir den Text aus der „Flow“, warum wir mit unserem Chaos zufrieden sein dürfen. Sehr entspannend.
    Grüße
    Annett

  2. Der hat mich auch sehr entspannt! Ich habe für mich heraus gefunden: Eine gewisse Ordnung brauche ich um mich herum, vor allem zum Arbeiten. Aber ich muss wirklich aufpassen, dass das Aufräumen nicht zur Aufschieberitis wird – denn wenn ich anfange so richtig zu entrümpeln, muss ich mir nur eingestehen, dass ich mich gerade vor einer wichtigeren, aber halt unangenehmen Aufgabe drücke…

    • SchnippSchnapp-Kragenab

      Ja klar, wenn sich Geschirr stapelt und alles völlig chaotisch ist, kann ich auch nicht arbeiten. Aber das hat für mich auch nichts mit Wegwerfwahn und völligem reduzieren zu tun. Sachen, die mir zu Schade zum Wegwerfen sind, ich aber nicht mehr brauche, stelle ich jetzt immer in ein Verschenkeregal, das es hier gibt. Sie sind immer weg und finden hoffentlich ein neues Zuhause. Und bei mir ist ein wenig mehr Platz.

  3. So ein Verschenkregal ist natürlich eine feine Sache, besser, als die Dinge einfach auf die Straße zu stellen wie das manche Menschen machen

  4. Und viele Menschen stellen ja echt Müll auf die Straße!

    • In vielen Städten gibt es Umsonst-Läden. Der in München hat aber seit kurzem geschlossen und sucht nach neuen Räumen. Aber gerade Bücher oder Haushaltsgeräte wird man auch prima los, wenn man sie in einer Kiste auf den Gehsteig stellt und „Zu verschenken“ dranschreibt.
      Müll sollte es natürlich nicht sein. Da hat Nadja völlig recht.
      Grüße
      Annett

  5. Wann macht Ausmisten wirklich zufrieden? Wenn man diese ganzen kleinen Plastikfigürchen aus dem Ü-Ei und anderen Krimskrams der Kinder einmal im Jahr entsorgt. Und keiner merkts…

  6. Pingback:Dann behalte es einfach! | Matthias Rückel

  7. Pingback:Dann behalte es einfach! | Matthias

  8. Aufräumen muss sein, ausmisten nicht. Für mich sind das grundlegend verschiedene Dinge. Ich finde ein aufgeräumtes Zuhause klärt die Gedanken, aber deswegen alles unnötige wegschmeißen – sicher nicht. Wie du schon geschrieben hast: auch ich schleppe Kisten mit mir von Wohnung zu Wohnung, denn es gibt emotional wertvolle Dinge, die man einfach nicht wegtun will. Aber wenn es eine hübsche Kiste ist, ist ja eigentlich auch nichts dagegen zu sagen 😉
    Dieser Minimalismustrend nervt mich auch zunehmend. Schön, dass es noch Leute gibt, die sich von ihrem Krempel nicht trennen können.
    Liebe Grüße, Dorie
    http://www.thedorie.com

    • Alexandra von Knobloch

      Danke, sehen wir auch so. Wie man Ordnung schafft, dafür hat Nadja hier ihre Tipps zusammengestellt: http://healthandthecity.de/ordnung-ist-gut-fuer-die-seele/
      Ihr Fazit: Ordnung zu halten, gibt einem ein sicheres, gutes Gefühl. Liebe Grüße, Alex

    • Ich bin so froh, dass ich endlich Eure Texte enddeckt habe, Ich musste nach über 30 Jahren aus einer großzügigen Wohnung nach dem Tod meines Mannes umziehen, Ich hab die vollgestellte Wohnung nicht so schnell leer bekommen und deshalb den Vorschlag eines langjährigen Freundes angenommen, sie leeren meine Wohnung gerne, wenn ich nicht dabei bin. Auf der einen Seite sah ich ein, dass ich selber an zu vielem hänge und sich nichts bewegt. Auf der anderen Seite wurden selbst gute Sachen in die contäiner geschmissen. Z.B Kinderphotos von mir, noch einwandfreie Drucker, das Silberbesteck der Mutter meines Mannes mit Gravour etc. Dann im Haus meines Onkels, das ich umgebaut habe ein altes Grammophon, auf dem die vielen Schellackplatten abgespielt werden konnten. Muss aber gestehn, ich bin jetzt nicht mehr so leistungsfähig, um das neue Haus aus seinem Chaos zu befreien und ständig hin- und her gerissen, andere in das Haus zu lassen. Auch hier waren Freunde fast wieder beleidigt, dass ich ihr Hilfsangebot ablehnte. Was mich am meisten stört, dass man auf die individuellen Bedürfnisse des anderen nicht eingeht, sondern einfach entsorgt. Ich weiß noch keine gute Lösung und wäre über Vorschläge dankbar

      • Hallo Gerlinde,
        im Fernsehen machen sie immer die Methode: Was weg kann, bekommt einen grünen Punkt, was bleiben soll, einen roten. Worüber man noch nachdenken muss: gelb. Man sieht dann recht schnell, ob man ein Problem damit hat loszulassen, wenn man sehr viele rote Punkte verteilt. Silber und andere einigermaßen werthaltige Dinge kann man ja auch zum Händler bringen, kostet natürlich Zeit, die längst nicht jeder hat… Eine Patentlösung gibt es nicht. Meine Erfahrung: Fotos, handgeschriebene Briefe mit echtem Inhalt und zwei drei Kleinigkeiten, mit denen man Erinnerungen verbindet, das reicht meist, wenn man etwas behalten möchte. Möbel etc. lohnen sich wirklich nur, wenn sie in die Einrichtung passen.

      • Wenn du nicht zufrieden bist, musst du dich selber aufraffen, deinen Kram zu ordnen, das ist ganz klar. Niemand kann in deinen Kopf sehen.
        Mir hat die Methode nach Marie Kondo sehr geholfen, Ibwohl ich immer schon ein ordentlicher Mensch war. Und es war nie die Rede davon, Dinge an denen man hängt mit zum Beispiel Deko oder (Kindheits)Erinnerungen blindlings zu entsorgen, Ich empfehle die Dinge besser zu lesen. Dieses verzweifelte Festhalten an Besitztümern bringt euch sowieso nicht weiter. Aber Gott sei Dank kann das jeder für sich entscheiden, man muss halt dann damit leben!

  9. Na ENDLICH!!!!! Auch mich packt AB UND AN der Entrümpelungswahn und danach bin ich wirklich froh alles los zu sein.. aber ganz ehrlich, in einer Wohnung mit vielen kleinen Dingen, an denen mein Herz hängt fühle ich mich weitaus wohler als in diesem sterilen CLEANEN Ambiente was gerade überall als DAS Nonplusultra angepriesen wird.
    Gerade neulich hatte ich alte Briefmarken-Alben meines Großvaters in den Händen. Und ja dieses alte Zeug lebt und wird mich deshalb ewig begleiten.

  10. Hallo Alexandra,
    ein herzerfrischender Artikel, bei dem ich schallend gelacht habe. Vielen Dank dafür 😉
    Ich möchte dennoch einen Punkt korrigieren… bitte bitte, verwechsel nicht den Extrem-Entrümpelungswahn mit Feng Shui. Das sind zwei unterschiedliche Ansätze, die nur bedingt miteinander zu tun haben.
    Die Faltmethode z.B. stammt von Marie Kondo, die eine Verfechterin des Extrem-Minimalismus ist und damit wahrscheinlich ihre Zwangsneurosen kompensiert 😉 Die Jungs, die vor über 4000 Jahren Feng Shui „erfunden“ haben, hatten damals aber bestimmt andere Sorgen als korrekt gefaltete Socken. Auch wenn du es jetzt vielleicht nicht gerne hören/lesen willst, kann ich dir versichern, dass du (unbewusst) auf deine eigene Art Feng Shui praktizierst wenn du schreibst, dass du deine Einrichtung so arragierst wie es dir gefällt. Das ist übrigens das ganze Geheimnis des sagenumwobenen, mysteriös behafteten (modernen) Feng Shui. Auch wenn viele Ratgeber das Gegenteil behaupten… leider 😕
    Ich beschäftige mich seit beinahe 20 Jahren mit Feng Shui und ja, auch hier wird empfohlen, sich immer wieder von Dingen zu trennen, die einen nerven oder die man nicht mehr benötigt, um Platz für Neues zu schaffen. Aber wenn man nicht gerade Messie-Patient ist, funktioniert das doch ganz selbstverständlich.
    Seriöse (Feng Shui)Berater geben auch immer nur Empfehlungen, niemals Regeln vor, denn in jeder Empfehlung steckt ein bisschen subjektives Empfinden des Ratgebenden.
    Aus diesem Grund verstehe und teile ich deinen Unmut über diese ganzen „das-musst-du-unbedingt-tun“-Ratgeber, die einem ein völlig neues Leben versprechen, aber nur, wenn man sich ganz ausdrücklich an die vorgegebenen Regeln hält. Wie gaga ist das denn? Wessen Leben will ich leben? Das von dem, der die Regeln vorgibt und zu dem sie auch zu passen scheinen oder mein eigenes, in dem ich die Maßstäbe für mein Wohlbefinden selber setze?
    Ich bin der Meinung, man darf einem Raum ansehen, dass er gerne(!) und oft genutzt wird und nicht aussieht wie aus einem Möbelkatalog.
    Meine „löchrige Zugspitzenwandersocke“ ist übrigens ein uraltes Fernglas von meinem Opa, mit dem man leider kaum noch was sieht. Aber wenn ich es in die Hand nehme, das Leder rieche… dann bin ich wieder 10, stehe auf dem Balkon und schaue mit dem Fernglas zu den Sternen ☺️

    • Hallo Simone, danke für deine schönen Ergänzungen. Zum Feng Shui: Ich denke, dass die Exterm-Minimalisten, von denen du sprichst, bewusst falsche Anklänge an Feng Shui im Programm haben. Ich glaube, sie erhoffen sich, dass ihre Tipps so mit einer tieferen Bedeutung aufgeladen werden und gewichtiger wirken.
      LG
      Alex

  11. Danke, Danke, vielen Dank!!! Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Ich selbst bin eher chaotisch und manchmal unzufrieden damit. Bereits vor einigen Jahren hatte ich, nach der Lektüre des Buches „Nie wieder Chaos“ so einen Wegwerf-Flash. Eigentlich wollte ich nur meinen Haushalt da und dort etwas besser in den Griff bekommen, nach dem Lesen hatte ich aber ein schlechtes Gewissen und warf Unmengen weg. War natürlich auch befreiend, was den Kram betraf, aber leider hatte ich im Eifer des Gefechtes auch einige Dinge entsorgt, die nützlich waren und die ich nachkaufen musste. Und, noch viel schlimmer, 2 wichtige Erinnerungsstücke, denen ich bis heute nachweine.

    Bei Kondos Buch ging es mir wieder so, dass mich sofort das schlechte Gewissen gepackt hat, das ich aber vorher gar nicht so hatte. Nach dem Motto: Oh Gott, wenn nur zwanghaftes Aufräumen WIRKLICH glücklich macht, dann mach ich wohl alles falsch.“ Ich habe die Schubladenfalt-Methode ausprobiert und dann gemerkt, dass das ziemlicher Quatsch ist, für Regalbretter nicht geeignet und auch für Schubladen nicht wirklich, denn wenn die nicht prall gefüllt sind, purzelt schnell alles durcheinander.
    Das hat mich dann wieder zur Besinnung gebracht. Und mittlerweile weiß ich: Mich macht Unordnung in einem gewissen Maß glücklich. Es darf natürlich nicht zu extrem werden, aber wenn ich in meine Vorratschublade schaue, da sieht es aus wie früher bei meiner Großmutter im Küchenschrank auf dem Land, ein buntes Sammelsurium guter Dinge, absolut nicht in Reih und Glied und es erfüllt mich mit Glück (um mal bei Kondo zu bleiben) und dem Gefühl von „Daheimsein“. Diese ganzen Bilder dagegen von den aufgeräumten Schränken, die jetzt online gepostet werden, die erzeugen eher ein unangenehmes-steriles Gefühl und wirken zudem unecht.
    Ich persönlich mag Hundertwasser total gerne und bei ihm ist eine gewisse Unordnung ja das, was den Reiz ausmacht: schiefe Linien, unebene Böden, gebrochene Fliesen.
    Ich mag das. Es ist schön. Es ist heimelig. Es ist belebt.

    Und wenn wir schonmal dabei sind: Ich bin mir sicher, meine Socken, wenn sie denn Gefühle hätten, fühlten sich in ihrer Schublade so bisschen durcheinander viel wohler als aufgereiht in Reih und Glied wie die Soldaten.

    Nix gegen Ausmisten und Aufräumen, aber man kann es nun wirklich auch übertreiben. Und seine Umgebung damit terrorisieren, wie mein Vater, der wirklich jeden in seiner Umgebung mit seinem dauernden Verräumen und Putzen nervt und damit ungemütliche Stimmung schafft (indem er z. B. den Gästen die Teller wegreißt, sobald diese den letzten Bissen gegegessen haben).

    Summa summarum: Das Zusammenleben mit Marie Kondo stelle ich mir total Horror vor. Ungemütlich, steril und zwanghaft (und genau so wirkt sie auch in der Serie jetzt, den Hype kann ich darum 0 verstehen, kommt wohl eher durch den Voyeurismus-Effekt). Für mich ist das nichts. Genauso wie der Rest dieser ganzen Selbstoptimierungsgeschichten. Denn wie Du ganz richtig sagst: Vieles davon macht uns ein schlechtes Gewissen für Sachen, die uns vorher nie gestört haben. Und dadurch werden wir dann unglücklich und denken, nur die beschriebene Methode X könne und wieder glücklich machen. Irgendwie auch Geldmacherei.
    Denn ehrlich gesagt: Das, was Kondo beschreibt, hat man eh schon 100 x irgendwie gehört (gab ja schon X Bücher in die Richtung). Es ist nichts Neues und zudem in den Büchern künstlich gestreckt, denn der Inhalt würde an sich auf 5 Buchseiten passen, wenn da nicht die ganzen Schrullen und Anekdötchen und reichlich merkwürdigen Geschichten aus ihrer Kindheit wären (die auf eine nicht ganz unerhebliche Zwangsproblematik hinweisen).

    • Hallo Katharina,
      danke für dein Lob auf die persönliche Note. Ich habe mir die Serie auch angesehen. Darin werden in jeder Folge Probleme angeschnitten, die viele Menschen irgendwann lösen müssen. Zum Beispiel, wie man sich organisiert, wenn man zusammenzieht und die Partner unterschiedliche Auffassungen haben. Damit muss man umgehen, aber dafür gibt es viele Wege, nicht nur kompakte T-Shirt-Pakete. Am Ende ist in jeder Folge das gleiche passiert: ein Standardschema für ganz verschiedene Probleme. Das sollte einen eigentlich stutzig machen. Mich würde interessieren, wie es bei den Leuten aus der Sendung in einem Jahr aussieht.

  12. Liebe Alexandra,

    ja, genau das ist es, was mich sehr stört. Dieses: Wenn Du es nicht genau so machst, wie ich das meine, wirst Du nicht glücklich. Keine Individualität, nix Ungerades oder Unperfektes. Mich würden die Räume auch mal interessiern, wenn das Filmteam ein paar Monate weg war (und Marie Kondos Wohnung so im ganz normalen Alltag ehrlich gesagt auch 😉 ).

    Ich war so froh um deinen Beitrag und die Anmerkungen dazu, dass Wegwerfen eben nicht die Probleme löst, die dahinter stehen. Und ich stelle mir vor, ich müsste nun weiterhin täglich die Sachen in meinen Schränken in Reih und Glied stellen und mich gruselt es (und ich hab’s versucht, es war so viel Extrarbeit, die ich mir sparen kann, weil ich die Sachen auch finde, wenn sie ungefähr an Stelle X stehen). Ganz besonders gruselig find ich nun diese Bilder-Posterei auf Instagramm und Co. Schränke, denen man ansieht, dass es richtig viel Arbeit war, sie für das Bild so herzurichten (ich würde sie gerne mal paar Tage später sehen, denn so lässt sich das im Alltag kaum halten). Ich finde, wir sind alle so … ja, gnadenlos mit uns selbst und auch mit anderen geworden. Bodyshaping, Kinder sollen perfekt sein, das Outfit und die Schminke auch, die Beziehung ebenfalls, das Essen immer frisch gekocht und schön angerichtet, die Kuchen und Torten optische Meisterwerke, jetzt auch noch die Wohnung und jedes Schränckchen und die Sockenschublade eh. Es setzt alle unter Druck und ich habe den Eindruck, ich, die ich etwas Chaos in meinem Leben zulasse und nicht den Anspruch habe, dass alles perfekt sein muss, bin seither sehr viel glücklicher. Klar, wenn es überhand nimmt, weil jemand krank war oder so, ist es auch nicht schön. Aber an sich halte ich mittlerweile sehr viel von etwas Gelassenheit und eher wenig Selbstoptimierung.

    Liebe Grüße

    Katharina

  13. Geiler Artikel!Endlich mal jemand,der nicht auf den alles-muss-raus-Zug aufspringt,sondern mal kritisch hinterfragt! Bravo! Wir ziehen demnächst um.Von groß auf viel kleiner. Vieles muss wegen Platzmangel weg,aber auch hier gibt es Grenzen für mich. Klar,viele Dinge,die ich seit Jahren nicht brauchte,können weg,aber andere,an denen Erinnerungen hängen,bleiben.Egal wie wenig Platz. Danke für diesen Artikel! Dieser Auslöst-Hype macht mich kirre!

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