Ich will nichts wegwerfen!

Wegwerfen, was bleibt dann noch? Wer ausmistet, räumt damit nicht sein Leben auf.

„Das wahre Leben beginnt nach dem Aufräumen.“ Als ich diesen Satz jüngst in der emotion las, war ich richtig aufgebracht. Mit so einer Aussage unterstellt die Zeitschrift, Millionen Menschen hierzulande hätten kein Leben, nur weil sie nicht perfekt ordentlich sind.

Einmal auf diesem Trip, präsentiert die emotion natürlich auch das Gegenmittel, das all die Zombies wiedererweckt: Aufräumen! Ausmisten! Wegwerfen! Jeden Gegenstand in der Wohnung in die Hand nehmen und sich fragen: „Macht mich der wirklich glücklich?“ Falls nein, weg damit! Den kargen, aber heiß geliebten Rest ordnet man dann einrichtungskatalogartig um sich an und sitzt fortan dauerlächelnd dazwischen. „Mein Schatz“, wie Gollum sagt.

Socke, machst Du mich glücklich?

Fast eine viertel Seite ist der emotion-Redaktion eine Faltanleitung für ein T-Shirt wert. Feng-Shui-gerichtet verwandelt sich das Oberteil dabei in ein Paket, das „frei stehen kann.“ Haste Töne. Wie konnte ich jemals ohne frei stehende T-Shirts existieren? Verzeihung: vegetieren. Ich habe ja offenbar noch gar nicht wahrhaft gelebt. Denn für mich ist Ordnung lediglich ein Mittel zum Zweck, um Sachen schnell zu finden. Jedes weitergehende Sortieren ist in Wahrheit Dekoration.

Auch Dekoration möchte ich nicht missen. Wenn ich abends nach Hause komme, treffe ich gerne auf eine Wohnung, in der deutlich mehr Dinge, als ich dringend benötige, so arrangiert sind, wie ich es will. Diese Dinge machen mich keineswegs alle happy – aber sie belasten mich auch nicht. Deshalb dürfen sie bleiben. Ich habe Besseres zu tun, als ein Sockenpaar zu fragen: „Macht ihr mich glücklich?“

Wegwerfen klingt nur befreiend

Der Ordnungs- und Reduzierungswahn, den Ratgeber seit Jahren verbreiten, stört mich schon lange. Das liegt vor allem an den unrealistischen Heilsversprechen, die dem Aufräumen und Ausmisten zugeschrieben werden. Sie treiben immer absurdere Blüten. Den aktuelle Auswuchs, den neben der emotion viele andere Zeitungen und Zeitschriften willfährig verbreiten, verdanken wir der Japanerin Marie Kondo. Sie hat es schon in jungen Jahren zur weltweit erfolgreichen Aufräumexpertin gebracht. Zwei Bücher von ihr sind auf deutsch erhältlich.

„Magic cleaning“ heißt ihre Methode. Kondo schwafelt von „Bewusstseinswandlung“, „befreitem Leben“ und „Begegnung mit sich selbst“. Wirklich „magic“, denn – soviel gibt Kondo zu – ein Beweis, das Wegwerfen und Aufräumen wirklich zu „wahrem Leben“ verhilft, existiert nicht.

Aber wenn stört das schon? Hauptsache, die Tipps klingen gut: irgendwie nach Entspannung und Feng Shui. Kondos Empfehlungen tragen absurde Züge. Die Leute sollen tatsächlich alles aus der Wohnung hauen, was sie nicht sofort glücklich macht. Also konsequenter Weise auch nützliche Gegenstände wie Hammer, Staubsauger oder Bratpfannen.

Schlechtes Gewissen inklusive

Der Aberwitz solcher Ratschläge scheint niemandem zu stören. Die Für Sie versteigt sich in einer Rezension zu folgender Aussage: „Marie Kondo motiviert zum Generalangriff auf das alltägliche Chaos – und macht uns zu selbstbewussten, zufriedenen, ausgeglichenen Menschen.“

Nein, macht sie nicht! Marie Kondo und ihre Aufräumeritis macht Menschen ein schlechtes Gewissen. Sie bringt ganz normale Leute dazu, sich unzulänglich zu fühlen, weil sie eine – von der Autorin gesetzte – Norm nicht erfüllen. Das beflügelt den Absatz ihrer Bücher und Dienstleistungen. Die Leser stutzt es zusammen. Zumal dann, wenn sie nach der Magic-Cleaning-Methode aufräumen und feststellen, dass sie danach kein Stück glücklicher sind – aber für teuer Geld Pullover oder Küchengeräte nachkaufen müssen.

Natürlich gibt es Menschen, die in einer chaotischen Wohnung leben und sich nach Ordnung sehnen. Bringt ihnen jemand bei, wie man aufräumt, ausmistet und den Überblick behält, werden sie sich dauerhaft besser und freier fühlen. Aber das betrifft nur eine sehr kleine Gruppe von Leuten. Die allermeisten werden nicht zufriedener, nur weil sie – wie von Kondo empfohlen – in einem Rutsch gründlich aussortieren.

Das verschafft einem für einen Tag das angenehme Gefühl, etwas geleistet zu haben. Eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit, die wichtig ist und gute Laune macht. Womöglich mag man danach auch die eigene Wohnung lieber. Aber ein langfristig gestärktes Selbstbewusstsein?

Unordnung in der Seele bleibt

Wohl kaum. Wo kein müßiges Trum mehr liegt, lässt sich nicht morgen schon wieder etwas entrümpeln. Und dann? Dann ist die Magic-Cleaning-Methode am Ende. Sie sorgt eben nur für bessere Orientierung und besseren Überblick im Raum – und nicht für mehr Ordnung in der Seele.

Wer dauerhaft an seinem Leben etwas verändern will, muss sich ergiebigeren Quellen des Glückes zuwenden. Quellen, die man regelmäßig anzapfen kann und nicht nur einmal in fünf Jahren, wenn sich die Kramschubladen wieder gefüllt haben.

Eric Abrahamson, Professor für Management in New York, kritisiert den grassierenden Ordnungseifer seit Jahren. Just in der emotion hat er 2007 ein Streitgespräch mit einem Ordnungsexperten geführt. Darin sagte er: „Wer nach einer Trennung erwartet, dass durch das Wegwerfen von Briefen und Bildern die Schmerzen nachlassen, hat sich getäuscht. Gefühlschaos lässt sich nicht im Mülleimer entsorgen.“ Der Ordnungsexperte gab ihm Recht: Der Wert der Entrümplung liege eher im Ritual.

Wegwerfen und vergessen? Jahre später vermisst man es dann doch.

Emotionaler Wert mancher Dinge zeigt sich erst später

Grundsätzlich findet es Abrahamson bedenklich, sich in einer Hau-Ruck-Aktion von allen möglichen Dingen zu trennen: „Wir verschätzen uns oft bei der Wichtigkeit eines Gegenstands. Die emotionale Bedeutung kann verzögert auftreten. Silberbesteck, das nicht zum neuen, klaren Design meiner Wohnung passt, erinnert mich vielleicht erst in ein paar Jahren an meine Kindheit.“

Genau aus diesem Grund schleppe ich zum Beispiel seit Jahrzehnten zwei schwere Kisten voller Fotoalben von Wohnung zu Wohnung. Diese Alben machen mich jetzt nicht glücklich. Im Gegenteil, sie nerven mich oft wegen der Regalmeter, die sie besetzen. Platz auf dem ich momentan lieber Schuhe unterbringen würde. Nach der Magic-Cleaning-Logik müssten sie raus. Aber ich bin sicher: Wenn ich ins Altenheim muss, werde ich die Fotos mitnehmen und nicht die High Heels.

Außerdem ist die Zeitersparnis begrenzt, die sich durch perfekte Ordnung und schlanke Ausstattung erreichen lässt. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man zum Sklaven seines Ordnungssystems wird. Ständig putzen und polieren, sortieren und Dinge von sich fern halten: Das dauert und raubt Energie.

Problem aufschieben statt lösen

Oft genug lenken sich Menschen mit dem Großreinemachen sogar von Aufgaben ab, die sie dringender erledigen müssten: ein klassischer Fall von Aufschieberitis (Prokrastination). Diese Verhalten reinigt die Seele von absolut gar nichts. Im Gegenteil, die Verheißung der Befreiung fördert den aufschiebenden Putzfimmel sogar. Könnte ja sein, dass das Leben danach wirklich anders ist, und man all die Dinge, die man bislang vermieden hat, auf einmal problemlos erledigen kann. Könnte sein, ist aber nicht. Derartige Träume erfüllen sich im Märchen. In der Realität muss man sich Problemen stellen.

Brigitte Boothe, Professorin für Klinische Psychologie in Zürich, rät, sich folgende Frage zu stellen, wenn es um das Thema Aufräumen und Wegwerfen geht: „Wer dient wem? Die Ordnung mir oder ich der Ordnung?“ Wissenschaftlich halbscharige, clean-schick-inspirierte Aufräumorgien schließt diese  Herangehensweise aus. Also bleibt mir damit vom Leib.

Mitbloggerin Nadja hat übrigens eine ganz andere Sicht auf das Ordnungsthema als ich. Sie findet, es kläre die Gedanken – und gibt Tipps für Ordnungssysteme. Hier nachzulesen: „Ordnung ist gut für die Seele“.

Wie stehst du zum Thema Ordnung? Ist es für dich Aufräumwahnsinn oder Zeitersparnis? Schreib uns einen Kommentar.

 

12 Kommentare

  1. Dann empfehle ich Dir den Text aus der „Flow“, warum wir mit unserem Chaos zufrieden sein dürfen. Sehr entspannend.
    Grüße
    Annett

  2. Der hat mich auch sehr entspannt! Ich habe für mich heraus gefunden: Eine gewisse Ordnung brauche ich um mich herum, vor allem zum Arbeiten. Aber ich muss wirklich aufpassen, dass das Aufräumen nicht zur Aufschieberitis wird – denn wenn ich anfange so richtig zu entrümpeln, muss ich mir nur eingestehen, dass ich mich gerade vor einer wichtigeren, aber halt unangenehmen Aufgabe drücke…

    • SchnippSchnapp-Kragenab

      Ja klar, wenn sich Geschirr stapelt und alles völlig chaotisch ist, kann ich auch nicht arbeiten. Aber das hat für mich auch nichts mit Wegwerfwahn und völligem reduzieren zu tun. Sachen, die mir zu Schade zum Wegwerfen sind, ich aber nicht mehr brauche, stelle ich jetzt immer in ein Verschenkeregal, das es hier gibt. Sie sind immer weg und finden hoffentlich ein neues Zuhause. Und bei mir ist ein wenig mehr Platz.

  3. So ein Verschenkregal ist natürlich eine feine Sache, besser, als die Dinge einfach auf die Straße zu stellen wie das manche Menschen machen

  4. Und viele Menschen stellen ja echt Müll auf die Straße!

    • In vielen Städten gibt es Umsonst-Läden. Der in München hat aber seit kurzem geschlossen und sucht nach neuen Räumen. Aber gerade Bücher oder Haushaltsgeräte wird man auch prima los, wenn man sie in einer Kiste auf den Gehsteig stellt und „Zu verschenken“ dranschreibt.
      Müll sollte es natürlich nicht sein. Da hat Nadja völlig recht.
      Grüße
      Annett

  5. Wann macht Ausmisten wirklich zufrieden? Wenn man diese ganzen kleinen Plastikfigürchen aus dem Ü-Ei und anderen Krimskrams der Kinder einmal im Jahr entsorgt. Und keiner merkts…

  6. Pingback:Dann behalte es einfach! | Matthias Rückel

  7. Pingback:Dann behalte es einfach! | Matthias

  8. Aufräumen muss sein, ausmisten nicht. Für mich sind das grundlegend verschiedene Dinge. Ich finde ein aufgeräumtes Zuhause klärt die Gedanken, aber deswegen alles unnötige wegschmeißen – sicher nicht. Wie du schon geschrieben hast: auch ich schleppe Kisten mit mir von Wohnung zu Wohnung, denn es gibt emotional wertvolle Dinge, die man einfach nicht wegtun will. Aber wenn es eine hübsche Kiste ist, ist ja eigentlich auch nichts dagegen zu sagen 😉
    Dieser Minimalismustrend nervt mich auch zunehmend. Schön, dass es noch Leute gibt, die sich von ihrem Krempel nicht trennen können.
    Liebe Grüße, Dorie
    http://www.thedorie.com

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