Tellonym oder: Kommt, und esst mich auf

Tellonym

Manchmal vielleicht gar nix sagen: Schadet nicht.


In meiner Twitter-Timeline haben sich vergangene Woche viele Leute bei Tellonym angemeldet. Das hat mich aus mehreren Gründen erst irritiert, dann beschäftigt und ehe ich mich versah, hatte ich im Kopf schon einen Blogpost dazu geschrieben. Diesen hier. Denn ich finde die Idee hinter Tellonym nicht nur höchst befremdlich, sondern auch sehr gefährlich.

Tellonym – eine Wortschöpfung aus dem Englischen „tell“ (sagen, erzählen) und dem Wort „anonym“ – ist eine neue Plattform, bei der man sich anmelden und andere Menschen dazu einladen kann, einem anonym Nachrichten oder Meinungen zu schicken. Dass sich viele Twitterer (mein subjektives Empfinden, ich habe nicht gezählt) angemeldet und darüber getwittert haben, hat mich erstmal nicht weiter verwundert. Nahezu dieselben Leute waren vor zwei Jahren mit viel Getöse zu Ello übergelaufen, der irgendwie cooleren Version von Twitter – nach ein paar Wochen waren sie wieder da und das Thema beendet. Sehr wahrscheinlich wird das mit Tellonym auch so laufen.

Zwei Fragen gehen mir aber nicht aus dem Kopf:

Was ist Tellonym anderes als ein Internet-Pranger?
Und warum sind alle so begeistert davon?

 

Viele Menschen, denen ich auf Twitter folge und die jetzt über ihre Erfahrungen mit Tellonym twittern, sind erfahrene Social-Media-User. Sie kennen das Netz mit all seinen Abgründen, sie haben Erfahrung mit Trollen, bösen Kommentaren oder Diskussionen, die aus dem Ruder gelaufen sind. Alle haben Solidarität mit Menschen gezeigt, die auf Twitter, Facebook oder anderswo im Netz gestalkt und bedroht wurden. Sie kennen Menschen, die Twitter deswegen verlassen haben.

Was Mobbing mit Menschen macht ist hinreichend bekannt. Was Cyber-Mobbing und Hate-Kultur im in Netz anrichten, auch. Und da kritisieren wir einerseits Facebook und Twitter für ihren laxen Umgang mit Trollen und Hass-Kommentaren – und sollen uns gleichzeitig auf einem Portal anmelden, das offen dazu einlädt, Menschen zu beleidigen?

Wir verlangen zu Recht von Facebook und Twitter (und anderen sozialen Netzewerken) ihre User besser zu schützen.
Und sollen/wollen nun aber eine Plattform nutzen, die denjenigen schützt, der den Hasskommentar sendet – und nicht denjenigen, den er beschädigt.

Statt Don’t feed the trolls, heißt es jetzt:
Kommt, und esst mich auf.

 

Das ist, als würde ich mich bei The Walking Dead in eine Horde Zombies stürzen und mich von ihnen ausweiden lassen.

Bestimmt sind bei den neuen Tellonym-Nutzern viele sehr selbstbewusste Menschen dabei. Sie haben ein dickes Fell, sind widerstandsfähig, können fiese Kommentare und Beleidigungen aushalten, sich abgrenzen.

Aber ich frage mich: Was machen solche Kommentare auf Dauer mit einem?

Niemand kann sich offen angreifbar machen und gleichzeitig unangreifbar bleiben.

 

Jede Bösartigkeit schlägt Kratzer in Selbstbild, Selbstbewusstsein und Seele. Sie sickert wie Gift in deinen Tag, bleibt in deinem Kopf, verpestet deine Gedanken. Willst du das?

Was ist mit den Menschen, die nicht so selbstbewusst sind? Die kein dickes Fell haben? Empfindliche, verletzliche Menschen, leichte Opfer? Die sich vielleicht aus Neugier angemeldet haben, oder aus Naivität? Wie sollen sie mit Kommentaren über ihre Person umgehen, was sollen sie tun, wenn Menschen sie verunglimpfen, wegen ihrer Krankheit, ihrer Behinderung, ihres Geschlechts, ihrer Nationalität? Jemandem unter diesen Bedingungen die Meinung sagen zu dürfen, erlaubt jede Art von politischer Unkorrektheit, die ihr euch vorstellen könnt.

Das Netz hat sowieso ein Problem mit Sexismus, Frauenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie, Cyber-Mobbing, Diskriminierung und Hass allgemein. Plattformen wie Tellonym werden es nicht nur vergrößern, sondern uns irgendwann glauben lassen, das sei alles normal.

Hab dich nicht so. Halt’s aus.

 

Was soll also jemand tun, der psychisch angeschlagen ist, der niemanden hat, der ihn tröstet, wieder aufbaut, die Sache relativiert?

Das Netz kann hier der große Tröster sein, aber auch der große Zerstörer.

Ich glaube, fast alle die das hier lesen, wurden schon einmal von anderen verletzt. Ein unbedachter Kommentar hier, eine gezielte Beleidigung da. Jeder weiß, wie sich das anfühlt. Wie es am Selbstwert kratzt. Wie lange es dauert, das Gift aus dem System zu bekommen. Jeder weiß, dass es nicht immer ganz gelingt. Weil die Erinnerung daran bleibt. Weil es manchmal immer noch brennt.

Das „Gute“ an dieser Art von Beleidigung ist: Du weißt, woher sie kommt. Du hast ein Gesicht dazu, eine Stimme, einen Menschen, den du von da an vielleicht gemieden oder mit dem du dich irgendwann ausgesprochen hast.

Und jetzt stell dir vor, du weißt nicht woher diese Beleidigung kommt. Du bist allein damit, du hast kein Gegenüber – und selbst wenn dir eine schlagfertige Antwort einfiele, wem solltest du sie ins Gesicht schleudern?

Was jetzt in dein System sickert ist nicht nur das Gift der Bösartigkeit. Sondern eine zweite Komponente: Misstrauen.

 

Denn Telloynm funktioniert so: Ich melde mich an und schicke den Link zu meinem Profil an Freunde und Bekannte, oder ich poste ihn bei Twitter oder Facebook. Wer möchte, kann mir jetzt anonym Kritik schreiben oder auch Nettigkeiten. Habe ich also in der Hand, wer mir schreibt? Nicht wirklich, wenn ich das Profil auf einer öffentlichen Plattform wie Twitter poste.

Und selbst wenn der Link zum Profil nur an Freunde und Bekannte geht: Wenn ich „böse“ Kommentare oder Kritik bekomme, werde ich misstrauisch. Wer hat mir das geschrieben? Warum sagt derjenige mir das nicht ins Gesicht? Und so sickert das Gift in unsere Freundschaften und Beziehungen.

Außerdem frage ich mich: Was sind das für Menschen, die anonym andere Menschen kritisieren? Die eine Einladung dazu auch noch annehmen? Ich spare die Nettigkeiten, die man sich auf Tellonym auch senden kann, hier absichtlich aus. (Mal abgesehen davon: Wie gaga ist es denn, sich anonym etwas Nettes zu schreiben?)

Digitales Wegducken vor unangenehmen Gesprächen zwischen Freunden?

 

Damit, direkt und offen Kritik zu äußern, haben viele Menschen Probleme. Das ist normal. Sich anonym Luft zu machen kann aber keine Lösung sein. Es wird die Freundschaft oder die Beziehung wahrscheinlich mehr beschädigen als eine offene Aussprache oder ein echter Streit.

Nicht nur Kritik zu äußern fällt vielen Menschen schwer – welche anzunehmen ist doch noch viel schwieriger. Das nennt man dann „nicht kritikfähig“ oder „beratungsresistent“, und jedem, der das hier liest fallen sicherlich auf Anhieb fünf Leute ein, auf die genau das zutrifft. Aber bitte: Weicht nicht auf die anonyme Variante aus, wenn ihr etwas loswerden müsst. Vielleicht ist die bessere Alternative manchmal vielleicht wirklich, nichts zu sagen. Schützt die Beziehung, anstatt sie zu zerstören. Schützt eure Seele und die des anderen.

Stand heute werden auf Tellonym anscheinend hauptsächlich Nettigkeiten und Komplimente ausgetauscht. Das ist schön. Aber ich glaube nicht, dass das so bleiben wird. Dafür hat das Internet schon viel zu viele hässliche Seiten.

In diesem Sinne: Don’t tell.

 

Was haltet Ihr von Tellonym? Habt Ihr Erfahrungen mit anonymen Kommentaren im Netz? Bitte schreibt es uns!

Auch Melanie von Glücklichscheitern hat ihre Gedanken zu Tellonym aufgeschrieben: Wie ein kleiner Internethype mich zum Nachdenken brachte.

Anne Schüssler hat sich bei Tellonym angemeldet und schreibt darüber: Sackgassenkommunikation mit Tellonym

Ein Kommentar

  1. Tellonym kannt ich gar nicht bis ich diesen Artikel gelesen habe. Ich sehe die Plattform ziemlich kritisch – wozu sollte man anonym bleiben wollen, wenn man sich etwas Nettes zu sagen hat? Ergo wird sie wohl eher für Hasskommentare und Mobbing genutzt werden. Ich werde mich jedenfalls ganz sicher nicht dort anmelden!

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