Anleitung für Erste Hilfe im Check: Nützt sie im Notfall?

Hier sind spontane Antworten zum Thema Erste Hilfe gefragt. Weißt du, was in folgenden Situationen zu tun ist?

  • Deine zwölfjährige Tochter hat ein Bonbon verschluckt. Es steckt in der Luftröhre. Das Kind röchelt und kriegt keine Luft?
  • Du bist bei einer Familienfeier. Auf einmal fasst sich neben dir dein 70-jähriger Onkel ans Herz und sackt bewusstlos zusammen?
  • Du machst mit deinem Partner einen Spaziergang am Strand. Dabei tritt er auf ein rostiges Stück von einem Drahtzaun, das in der Fußsohle stecken bleibt?

Allein, wenn ich über solche Notfälle schreibe, werde ich ein bisschen nervös. Obwohl ich die Antworten kenne (du bekommst sie ganz unten), muss ich sie mir ins Bewusstsein zwingen, denn dort herrscht erst einmal nur ein Gedanke: Oh Gott, oh Gott. Ich vermute, dir geht es ähnlich, selbst wenn du in Erster Hilfe einigermaßen firm bist. Was also tun, um ein besseres Gefühl zu bekommen?

Das ist eine Frage, die sich ein Journalisten-Kollege, Marcus von Jordan, vor ein paar Jahren gestellt hat. Er hat eine Lösung entwickelt, die ich nach dem ersten Hören für so interessant hielt, dass ich sie mir für healthandthecity.de näher angesehen habe.

„kleiner retter“ für Kinder, Reise, Verkehrsunfall

Es geht um die „kleinen retter“. Das sind drei Ratgeber zu Ersten Hilfe:  Erste Hilfe bei Kindern, Erste Hilfe auf Reisen, Erste Hilfe bei Verkehrsunfällen. Es handelt sich jeweils um eine Sammlung von Karten zu den relevanten Erste-Hilfe-Themen – bei Kindern unter anderem Knochenbruch, Elektrounfall, Ertrinken, Verbrennung, Fieber. Die Karten sind aus stabilem Material und an einer Ecke fest zusammengeheftet. Ein Reitersystem ermöglicht es, bei Bedarf mit drei Handgriffen an der richtigen Stelle zu landen: im Inhaltsverzeichnis (ganz vorne) die richtige Nummer heraussuchen, am Reiter (oben) die entsprechende Nummer festhalten und auffächern.

Außerdem hat jede Kartensammlung ein Karabinerband mit einem Engelchen – dem kleinen Retter. Daran lässt sich der Erste-Hilfe-Guide griffbereit zum Beispiel in der Küche aufhängen. Im Notfall erleichtert es der Henkel außerdem, das Kartenheft recht schnell aus dem Handschuhfach im Auto oder aus einer Tasche herauszufummeln.

Hier mein Check im Überblick:

Wer steckt dahinter? Marcus von Jordan ist Redaktionsleiter der Journalistenplattform torial. Er kam, so hat er es mir im Interview erzählt, auf die Idee mit dem „kleinen rettern“, als er mit der Allgemeinärztin Dr. Jessica Braun beieinander saß, die er privat kennt. Die Ärztin ärgerte sich darüber, dass es keine leicht handhabbaren Anleitungen zur Ersten Hilfe gibt. Sie seien zu überladen, gespickt mit Fremdwörtern: Sie machten Angst davor, Leben zu retten.

Zusammen haben sie „kleiner retter“ entwickelt: Jessica Braun sorgte für korrekte Inhalte, Marcus Jordan für die Verständlichkeit. Ein Grafiker setzte die Ratschläge in leicht nachvollziehbare Bildanleitungen um. Seither geben Jordan und Braun die „kleinen retter“ als GmbH organisiert im Eigenverlag heraus.

Das sagt healthandthecity.de dazu: Erste Hilfe ist ein Thema, das sooo enorm wichtig ist und zu wenig Aufmerksamkeit erfährt. Viele Leute machen im ganzen Leben nur einen einzigen Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein. Die Folge: In einer Notsituation sind sie unsicher und haben Angst zu schaden, wenn sie Beistand leisten.

Alles, was dazu beiträgt, Menschen Mut zur Ersten Hilfe zu machen, ist daher begrüßenswert. Ein niederschwelliges Angebot umso mehr. Und das sind die „kleinen retter“ auf jeden Fall. Ich halte sie auch für sinnvoller als Erste-Hilfe-Apps, die es zuhauf gibt. Denn im Notfall hätte ich keine Konzentration, keine Geduld und auch nicht die Feinmotorik, um mich durch ein App-Menü zu klicken, bis ich die richtige Anleitung finde – egal wie gut gemacht die Menüführung ist. Ich sehe in den „kleinen rettern“ auch einen Vorteil gegenüber klassischen Medizin-für-zuhause-Büchern, die in vielen Haushalten stehen. Denn auch da muss man umständlich suchen und blättern und findet oft unverständliches Zeug.

Was können die Karten-Hefte für die Erste Hilfe? Die „Erste Hilfe bei Kindern“ hat es bis zur Zertifizierung der Stiftung Gesundheit geschafft – ist also auf Transparenz, Objektivität, Verständlichkeit und Alltagstauglichkeit geprüft. Die anderen beiden Ratgeber sind inhaltlich und optisch auf demselben Niveau.

Ich habe die Hefte inhaltlich natürlich auch selbst gecheckt, und keinen Fehler gefunden. Schön finde ich, dass sie beim Thema Wiederbelebung den neuen Leitlinien zur Reanimation durch Laien folgen, und erst einmal nur zur Herzdruckmassage ermuntern, statt sich lange mit der Mund-zu-Mund-Beatmung aufzuhalten (die aber korrekt enthalten ist).

In den „kleinen rettern“ ist kein Platz für Hintergrundinformationen – was ich gut finde –, darum hier ein schneller Exkurs:

Bei einem Kreislaufstillstand schlägt das Herz nicht mehr, es wird also kein Blut und damit auch kein Sauerstoff mehr durch den Körper gepumpt. Bekommt das Gehirn keinen Sauerstoff, wird man wenigen Sekunden bewusstlos. Oft befindet sich aber in Armen und Beinen noch sauerstoffreiches Blut, das durch Drücken zum Gehirn gelangen kann. Deshalb ist das Drücken so wichtig. Natürlich kann und soll ein geübter Ersthelfer weiterhin beatmen. Das verbessert die Überlebenschancen zusätzlich. Allerdings haben mehrere Studien ergeben, dass der entscheidende Schritt darin besteht, überhaupt tätig zu werden. Durch den Aufruf zur Beatmung schreckten jedoch viele davor zurück, im Notfall überhaupt einzugreifen. Daher nun die Vereinfachung. Mehr dazu in diesem pdf der Deutschen Herzstiftung.

Zurück zu den „kleinen rettern“: Die Anleitungen sind step by step, so dass man sie auch in der Aufregung gut nachmachen kann. Die Notrufnummer 112 steht, wo sie stehen muss. Die Bilder sind praktisch und sympathisch. Das trägt dazu bei, einem die Scheu zu nehmen. Einzig bei der Anleitung zur Wiederbelebung mit Herzdruckmassage fehlt mir der Hinweis auf den Bee-Gees-Song „Stayin‘ Alive“. Dessen Rhythmus entspricht ziemlich genau den geforderten 100 Drückern pro Minuten, die man als Erst-Helfer aufbieten soll. Dieses Wissen im Hinterkopf hätte noch mehr Alltagsnähe und Anschaulichkeit geschaffen. Außerdem finde ich persönlich, dass Singen bei dem Pressen auf den Brustkorb viel beim Durchhalten hilft. Das ist nämlich extrem anstrengend.

Aber die Anmerkung betrifft eine Feinheit. Alles in allem kann man mit den „kleinen rettern gut arbeiten. Vor allem, weil die eingangs beschriebene Handhabung sehr praktisch ist und darauf ausgelegt, dass es im Notfall schnell gehen muss.

Was wollen die Macher erreichen? Im Gespräch mit mir hat Marcus von Jordan betont, er wolle mit den „kleinen rettern“ Menschen Lust machen, sich grundsätzlich mit dem Thema Erste-Hilfe zu beschäftigen – in der Hoffnung, damit die Hemmschwelle zum Helfen zu senken. „Bei Erster Hilfe kommt es nicht in erster Linie aufs Know-how an, sondern auf die Einstellung“, sagt er. Wichtig sei, sich im Notfall zuständig zu fühlen, Mitgefühl zu zeigen, sich zu trauen und anzupacken. Und dazu sei jedes Bisschen an Information nützlich, dass man im Vorfeld schon einmal gesehen hat. Auch wenn es nur verschwommen im Hinterkopf liege, fördere es die Selbstsicherheit. Deshalb hofft Jordan darauf, dass Käufer dieser Kartensammlungen sich diese ohne Not mindestens einmal durchlesen. Die lockere Aufmachung soll dazu beitragen. Wer möchte, kann die Karten auch wie ein Quiz durchspielen. Nach dem Motto: „Gib Erster Hilfe einen Platz.“

Das sagt healthandthecity.de dazu: Erste Hilfe zu leisten, ist ein Gebot der Menschlichkeit. Mediziner betonen, dass man einem Erkrankten oder Verletzten auch mit einem nicht ganz korrektem Eingreifen nicht schadet. Nichts zu tun, erhöht das Risiko viel stärker, dass Menschen sterben. Im Übrigen ist man in Deutschland zur Hilfeleistung verpflichtet – und im Gegenzug gegen eigene Schäden und solche, die man vielleicht verursacht, versichert.

Der Gedanke, die „kleinen retter präventiv durchzuarbeiten, hat daher Sinn. Zumal ich bei der Akut-Anwendung Limitierungen sehe: Das Heft zur Ersten Hilfe für Reisende ist ein Gewichtsfaktor für Backpacker. Ich würde es nicht auf einen Berg tragen wollen. Auch in meiner Strandtasche bekäme es keinen festen Platz, sondern bliebe im Hotel liegen. Ähnlich bei der Ersten Hilfe für Kinder und der für Verkehrsteilnehmer. Die sehe ich an einem festen Platz in der Küche beziehungsweise im Handschuhfach. Man hat sie also nicht überall dabei.

Wie realistisch es ist jedoch, sich vorab mit Erster Hilfe zu beschäftigen? Das kann ich nicht beantworten. Am ehesten kann ich mir bei Eltern vorstellen, dass sie das tun. Darum finde ich auch den Hinweis auf den Heften sympathisch: „Die praktische Erfahrung eines Erste-Hilfe-Kurses kann der ‚kleine retter’ nicht ersetzen.“ Das stimmt. Nichts gibt so viel Sicherheit wie eine praktische Übung.

Also auf zum Erste Hilfe Kurs! Diese Karten dienen zur Absicherung.

Wo bekommt man die „kleinen retter und was kosten sie? Jede Kartensammlung kostet 12.95 Euro. Man kann sie hier bestellen: http://www.kleiner-retter.de. Oder unter anderem auch über amazon und edumero.

Zum Abschluss: Was ist bei den 3 Notfällen vom Anfang zu tun?

  • Bonbon in der Luftröhre: Heimlich-Handgriff
  • Herz-Kreislauf-Stillstand: Prüfen, Rufen, Drücken. Das heißt: Person ansprechen, reagiert sie nicht, von Bewusstlosigkeit ausgehen. Notruf 112 anrufen. Wiederbeleben ohne Unterlass, bis der Notarzt eintrifft.
  • Fremdkörper in der Wunde: Drin lassen, Wunde abdecken, Patienten schnell zum Arzt bringen. Außerdem: An die Tetanus-Impfung (Wundstarrkrampf-Impfung) denken.

2 Kommentare

  1. Man erkennt hier, wie wichtig es ist die Anwendung kinderleicht zu machen. Die „kleiner retter“-Sammlung wäre auch ein gutes Buch für die Kindergarten Bibliotheken oder eine schöne Geschenkidee für angehende Sanitäter.
    Ein schönes Beispiel zu Usability: Mich als Ingenieur motiviert es, in meinem Umfeld die Geräte und Gebrauchsanweisungen ebenso leicht verständlich zu gestalten.

  2. Vielen Dank für die freundliche Besprechung! jeder, der es versucht hat weiß: der eigene Vertrieb für ein Buch (oder auch 3 Versionen) ist extrem schwierig. Wichtig sind Partner und Unternehmungen, die den retter sozusagen in ihre Kommunikation einbauen. Z.B. hat GSK die Inhalte des Reise-retters für seine App „Fit For Travel“ in Lizenz genommen. Solche Deals braucht man und wir sind froh über jeden Hinweis. Dann können wir auch mal den retter für Kinder machen (gibt es schon eine Reihe Grundschulkurse dazu, die Frau Dr. Braun durchgeführt hat) und auch noch andere Versionen und die App in Angriff nehmen.

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